Die Praxisfrage
Wie verbindet man weit entfernte Standorte, wenn terrestrische Infrastruktur ausgefallen ist?
QO-100 ist die Amateurfunk-Nutzlast des geostationären Satelliten Es’hail-2, der auf 25,9 Grad Ost steht. Er ist von Europa, Afrika, dem Nahen Osten und Teilen Asiens und Südamerikas aus erreichbar. Weil er geostationär ist, bleibt die Antenne einmal ausgerichtet, ohne Nachführung.
Was man dafür braucht
- Sicht zum Satelliten
- freie Sicht nach Süd-Südost, in Deutschland je nach Standort mit etwa 25 Grad Erhebung im Norden bis 33 Grad im Süden. Richtung und Winkel für den konkreten Standort ausrechnen. Gebäude, Bäume oder Berge im Weg verhindern den Betrieb.
- Spiegel
- Empfangen wird im 10-GHz-Bereich, gesendet im 2,4-GHz-Bereich. Üblich sind Spiegel von 60 bis 120 cm, die genau ausgerichtet werden müssen.
- Sende- und Empfangstechnik
- Umsetzer oder spezielle Geräte für 2,4 GHz, empfangsseitig oft ein Satelliten-LNB.
- Eigener Empfang
- Die Betriebsrichtlinien der AMSAT-DL verlangen, dass jede Station ihr eigenes Signal im Downlink hört, während sie sendet. Wer dafür nur den WebSDR im Internet nutzt, ist bei einem Internetausfall nicht betriebsfähig.
- Strom
- für Transceiver, Umsetzer, Endstufe, Empfangsweg und Rechner
- Aufbauzeit
- Aufbau und Ausrichtung brauchen Übung. Portabel ist es möglich, aber nicht in fünf Minuten.
Stärken
- große Abdeckung: Jede Station in Europa kann jede andere erreichen
- keine terrestrische Infrastruktur dazwischen
- keine Abhängigkeit von Tageszeit und Ionosphäre wie bei Kurzwelle
Neben dem Schmalbandtransponder für Sprache und Daten hat QO-100 einen Breitbandtransponder für digitales Amateurfunkfernsehen (DATV) nach DVB-S2. Laut dem Wikipedia-Artikel zu Es’hail 2 passen darauf gleichzeitig zwei Sender in HD-Qualität oder mehrere in Standardqualität. Nach Angaben der AMSAT-DL arbeiten die meisten Stationen mit Symbolraten von 500 kSym/s oder weniger. So kann ein Livebild aus einem Schadensgebiet einen weit entfernten Stab erreichen. Der Aufwand ist aber deutlich höher als im Schmalbandbetrieb, und für Strecken im Kreis gilt dasselbe wie für jeden QO-100-Betrieb: viel zu viel Reichweite.
Grenzen
- Keine regionale Frequenzwiederverwendung
- Alle Nutzer teilen sich denselben Transponder. Was eine Station sendet, belegt Kapazität im gesamten Ausleuchtungsgebiet.
- Viel zu viel Reichweite für regionale Strecken
- Eine Aussendung über QO-100 ist auf rund einem Drittel der Erde zu empfangen. Für eine Verbindung im Kreis oder zum Nachbarkreis belegt sie einen weltweit geteilten Transponder für eine Strecke, die UKW, ein Relais oder NVIS ebenso schafft. QO-100 ist für große Entfernungen gedacht: zwischen Ländern, über Grenzen oder in ein weit entferntes Schadensgebiet.
- Betriebsdisziplin
- Notfunkverkehr braucht Absprachen über Frequenzen und Zeiten, sonst geht er im allgemeinen Betrieb unter.
- Ein einzelner Satellit
- Ist er gestört, gibt es keine gleichwertige Alternative im Amateurfunk. Umlaufende Amateurfunksatelliten sind jeweils nur wenige Minuten gemeinsam sichtbar und ersetzen keine dauerhafte Verbindung.
- Wetter
- Starker Regen und Schnee auf dem Spiegel können das Signal dämpfen.
Unterschied zur kommerziellen Satellitentelefonie
Ein Satellitentelefon ist ein fertiges Produkt: auspacken, einschalten, wählen. Es kostet Geld pro Minute, verbindet mit jedem Telefonanschluss und braucht keine Lizenz. QO-100 ist Amateurfunk: kostenlos, aber nur zwischen Funkamateuren, mit mehr Aufbau und ohne Verbindung ins Telefonnetz. Für eine Behörde ist das Satellitentelefon die erste Wahl, QO-100 eine mögliche Ergänzung für Funkamateure mit entsprechender Ausrüstung.
Vor dem Einsatz testen
- Mögliche Standorte auf Sicht zum Satelliten prüfen.
- Aufbau und Ausrichtung mit der Stoppuhr messen.
- Eigenen Downlink-Empfang ohne Internet nachweisen.
- Mit der Gegenstelle feste Frequenz, Zeiten und einen unabhängigen Rückfallweg vereinbaren.