Die Lage: drei Standorte, keine öffentlichen Netze
Ein Beispiel, das so in vielen Landkreisen vorkommen kann: Im Kreishaus arbeitet der Führungsstab. 25 km entfernt ist eine Abschnittsführungsstelle eingerichtet. 140 km entfernt sitzt eine zweite Verwaltungs- oder Führungsstelle, mit der Lagemeldungen und Anforderungen ausgetauscht werden müssen. Festnetz, Mobilfunk und Internet sind gestört. Der BOS-Digitalfunk läuft, ist aber mit Einsatzkommunikation ausgelastet und erreicht die entfernte Stelle nicht.
Welche Rolle kann Amateurfunk hier spielen? Die ehrliche Antwort hängt von der Strecke ab.
| Verfahren | Typische Rolle | Externe Infrastruktur | Zentrale Schwäche |
|---|---|---|---|
| Relais, analog oder DMR | Sprechfunk in Gemeinde und Kreis, Kreishaus zur Abschnittsführungsstelle | das Relais selbst, auch als eigenes Einsatzrelais mit Akku | Notstrom und Zugang zum Relaisstandort |
| 2 m / 70 cm direkt | Rückfallweg, kurze Strecken zwischen erhöhten Standorten | keine | Topografie, Antennenhöhe, Stationen überlagern sich |
| Kurzwelle / NVIS | regional, auch die 140 km | keine | Ausbreitungsbedingungen, Antennenaufwand |
| Winlink | strukturierte Textnachrichten | je nach Betriebsart Gateway und Server | Architektur, Bedienaufwand |
| HAMNET / Mesh | lokales Datennetz | eigene, vorher aufgebaute Knoten | Standorte und deren Strom |
| Satellit QO-100 | Sonderfall für große Entfernungen | der Satellit | Aufbau, Ausrichtung, Kapazität |
Dabei zählt nicht nur, ob ein Verfahren weit genug reicht, sondern auch, dass es nicht unnötig weit reicht. Für die 25 km zur Abschnittsführungsstelle ist Kurzwelle die falsche Wahl, selbst wenn sie funktionieren würde: Das Signal ist Hunderte Kilometer weit zu hören und belegt knappe Frequenzen für eine ganze Region. QO-100 wird auf rund einem Drittel der Erde empfangen und ist deshalb nur für wirklich große Entfernungen gedacht. Die Einstufung aller Verfahren nach Strecke steht unter Ebenen der Kommunikation.
Die Tabelle ist eine Orientierung. Ob eine Strecke trägt, zeigt nur ein Test mit den tatsächlichen Standorten, Antennen und Menschen.
Was Amateurfunk ist und was Notfunk bedeutet
Amateurfunk ist ein eigener Funkdienst. Funkamateure haben eine Prüfung bei der Bundesnetzagentur abgelegt, besitzen ein persönliches Rufzeichen und dürfen auf den Amateurfunkbändern mit eigener, oft selbst aufgebauter Technik senden. Die Unterstützung von Hilfsaktionen in Not- und Katastrophenfällen gehört ausdrücklich zu den Zwecken des Amateurfunkdienstes. Diese Unterstützung wird im Sprachgebrauch Notfunk genannt.
Der Unterschied zum BOS-Funk ist grundlegend: BOS-Funk ist ein organisierter, staatlich betriebener Funkdienst für Einsatzkräfte mit festen Strukturen, Geräten und Zuständigkeiten. Amateurfunk ist ein Dienst von Privatpersonen. Er hat keine Einsatzpflicht, keine hoheitlichen Befugnisse und keine garantierte Verfügbarkeit.
Welche Probleme Amateurfunk lösen kann
- Verbindungen ohne Zwischeninfrastruktur
- Direktverkehr und Kurzwelle brauchen weder Mast noch Server noch Vermittlung. Das ist echte technische Diversität gegenüber Mobilfunk und Internet.
- Regionale Strecken
- Mit Kurzwelle lassen sich Stellen in einigen zehn bis mehreren hundert Kilometern Entfernung erreichen, für die es sonst oft keine unabhängige Verbindung gibt.
- Schriftliche Nachrichten
- Textverfahren wie Winlink oder Packet Radio liefern Lagemeldungen und Listen nachvollziehbar und ohne Abschreibfehler.
- Improvisierte Standorte
- Portable Stationen können dort aufgebaut werden, wo gerade eine Verbindung gebraucht wird, etwa an einer Anlaufstelle für die Bevölkerung.
Welche Probleme Amateurfunk nicht löst
- Er ersetzt keinen BOS-Funk und keine Einsatzkommunikation der Einheiten.
- Er ist kein Notrufsystem für die Bevölkerung.
- Er liefert keine Breitbandverbindung. Die meisten Verfahren übertragen Sprache oder kleine Textmengen.
- Er ist nicht verfügbar, weil es Funkamateure gibt. Verfügbar ist, was vereinbart, getestet und geübt wurde.
- Er darf keine verschlüsselten Inhalte übertragen. Vertrauliche Inhalte und sensible personenbezogene Daten gehören nicht auf Amateurfunkfrequenzen.
Sprache oder Daten?
Sprechfunk ist schnell aufgebaut und flexibel, aber fehleranfällig bei Zahlen, Namen und Adressen. Datenverfahren sind langsamer einzurichten, liefern dafür wortgetreue, dokumentierte Nachrichten. In der Praxis bewährt sich eine Kombination: Sprache für Absprachen und Rückfragen, Text für Meldungen, die weiterverarbeitet werden. Mehr dazu unter Nachrichten über Funk übermitteln.
Warum Vorbereitung wichtiger ist als Technik
Ein Funkgerät im Schrank ist kein Notfallkonzept. Eine Verbindung trägt im Ereignis nur, wenn vorher feststeht, wer an welcher Stelle sitzt, auf welchem Weg und zu welchen Zeiten Kontakt aufgenommen wird, wer eingehende Nachrichten annimmt, woher der Strom kommt und dass die Strecke geübt wurde. Der schwierigste Teil ist deshalb organisatorisch: die Einbindung in die Führungsorganisation und ein belastbarer Kommunikationsplan.
Rechtliche Grenzen
Amateurfunk bleibt auch im Katastrophenfall Amateurfunk. Frequenzen werden nicht zu BOS-Frequenzen, Rufzeichen verleihen keine Sonderrechte, und Nachrichten für Dritte sind nur in engen Grenzen zulässig. Die Details stehen unter Rechtslage in Deutschland.
So geht es weiter
- Die eigenen Kommunikationsstrecken aufschreiben: Wer muss im Ausfall mit wem sprechen, über welche Entfernung?
- Für jede Strecke die vorhandenen Rückfallebenen und ihre Abhängigkeiten prüfen, siehe Kommunikationsausfall.
- Mit einem festen Ansprechpartner aus dem Amateurfunk eine Strecke testen, bevor ein Konzept geschrieben wird.