Art des Beispiels: dokumentierter Einsatz, beruhend auf den Einsatzberichten der neuseeländischen Notfunkorganisation AREC (Amateur Radio Emergency Communications), einer Einrichtung des nationalen Amateurfunkverbands NZART.
Die Lage
Zyklon Gabrielle erreichte die Nordinsel Neuseelands am 12. Februar 2023 mit Windgeschwindigkeiten von teils mehr als 150 km/h und extremem Regen. Die Regierung rief den nationalen Notstand aus. Am härtesten traf es die Regionen Hawke’s Bay und Tairāwhiti an der Ostküste: Brücken stürzten ein, ganze Orte waren abgeschnitten, Strom, Mobilfunk und Internet fielen aus. Im Ort Te Karaka standen rund 80 Prozent der Häuser unter Wasser.
Auckland: geplant und angefordert
In Auckland lief der Einsatz so, wie man ihn sich wünscht. Nach Gesprächen mit dem Katastrophenschutz der Stadt, Auckland Emergency Management, wurde AREC gebeten, die Funkunterstützung für die gesamte Region zu übernehmen. AREC erstellte einen Kommunikationsplan und Dienstpläne. Im Einsatz hielten die Funkamateure über UKW Verbindung zu 14 Zivilschutzzentren.
- 18 aktive Helfer, 25 in Bereitschaft, zusammen 337 Einsatzstunden
- 60 UKW-Funkgeräte, vorab programmiert von zwei Mitgliedern
- ein transportables Relais für Rettungsarbeiten an der Westküste bei Muriwai
- auf der Insel Waiheke rund um die Uhr Funk für ein Evakuierungszentrum
Hawke’s Bay: drei Helfer in 48 Stunden
In Hawke’s Bay, wo die Not am größten war, standen in den ersten 48 Stunden nur drei AREC-Helfer zur Verfügung. Die Gründe stehen in den Berichten:
- Die Zahl der Freiwilligen war nach der Pandemie gesunken.
- Eingestürzte Brücken schnitten Helfer in Napier von ihren Einsatzorten ab.
- Die Helfer waren selbst betroffen: ohne Strom, ohne Telefon, mit Familie im Katastrophengebiet.
Die wenigen Helfer verteilten Handfunkgeräte und überwachten die drei wichtigsten Relais. Deren Verhalten ist aufschlussreich: Das Relais in den Kaweka-Bergen mit Akku und Solarversorgung lief durch. Ein anderes Relais fiel für sechs Stunden aus, ein drittes für 18 Stunden. In den Berichten ist auch vermerkt, dass für einen Herzpatienten über den Notruf 111 ein Rettungshubschrauber angefordert wurde.
Gisborne: Kurzwelle nach draußen
Aus der Region Tairāwhiti um Gisborne hielten Funkamateure eine Kurzwellenrunde mit einer Station im rund 300 Kilometer entfernten Palmerston North. Anfragen von Angehörigen kamen per E-Mail herein, wurden per Funk ins Katastrophengebiet weitergegeben, und die Antworten gingen den umgekehrten Weg. Diese Kette brauchte auf der Außenseite weiterhin Internet.
Die eigentliche Lehre
Dieselbe Organisation hat am selben Tag zwei sehr unterschiedliche Einsätze gefahren. In Auckland gab es eine Anforderung, einen Plan, programmierte Geräte und genug Personal. In Hawke’s Bay fehlte vor allem Personal, und das hatte einen strukturellen Grund: Wer im Katastrophengebiet wohnt, ist selbst betroffen. Eine Notfunkplanung, die nur auf Funkamateure aus dem eigenen Kreis setzt, fällt genau dann aus, wenn der Kreis am härtesten getroffen ist.
Was auf Deutschland übertragbar ist, und was nicht
| Übertragbar | Nicht ohne Weiteres übertragbar |
|---|---|
| Personal aus Nachbarkreisen als Verstärkung einplanen, siehe Niedersachsen | die in Neuseeland etablierte Anforderung von AREC durch den regionalen Katastrophenschutz |
| Relais mit Akku und Solar als belastbarste Lösung; Ausfallzeiten der eigenen Relais kennen | Nachrichten für Angehörige in dem Umfang, wie sie dort übermittelt wurden; in Deutschland ist das nur im tatsächlichen Not- oder Katastrophenfall zulässig |
| Geräte vorab programmieren und Dienstpläne vorbereiten | die Entfernungen: Im deutschen Mittelgebirge liegen Nachbarkreise meist in UKW-Reichweite |
Fragen für die eigene Planung
- Wie viele Funkamateure stehen bei uns realistisch in den ersten 48 Stunden zur Verfügung, wenn sie selbst betroffen sind?
- Aus welchen Nachbarkreisen kommt Verstärkung, und wer fordert sie an?
- Welches unserer Relais läuft ohne Netzstrom durch, und welches nicht?