NVIS im Notfunk: Regionale Kurzwellenverbindungen ohne Relais

NVIS kann regionale Kurzwellenverbindungen über einige zehn bis mehrere hundert Kilometer ermöglichen, ohne Relais oder öffentliche Netze. Für den Katastrophenschutz ist das interessant, wenn räumlich getrennte Führungsstellen verbunden werden sollen. Die Verbindung hängt aber von Frequenz, Tageszeit, Ionosphäre, Antenne und Erfahrung ab und ist keine garantierte Standleitung.

Wofür sich NVIS eignet

Zugang
Amateurfunk, nur für Funkamateure mit Prüfung und Rufzeichen.
Datenrate
Gering bis mittel. Wie Kurzwelle allgemein: einige hundert Bit/s bis einige kbit/s, abhängig von Verfahren und Ionosphäre. Überträgt Texte und Formulare.
Braucht an Infrastruktur
Keine. Niedrige Dipole für mindestens zwei Bänder und Strom an beiden Enden.

geeignet Kreis und Land

eingeschränkt Kreis, Land und Bund

Alle sechs Ebenen mit Begründung

Selbsthilfe und Bevölkerung

  1. 1 Nachbarschaft nicht geeignet nur zwischen Nachbarn, die selbst Funkamateure sind
  2. 2 Bürger und Anlaufstellen nicht geeignet Bürger ohne Amateurfunkprüfung dürfen nicht senden

Kommunale und örtliche Führung

  1. 3 Örtliche Führung nicht geeignet viel zu große Reichweite, NVIS belegt die Frequenz im Umkreis von Hunderten Kilometern; UKW reicht
  2. 4 Kreis eingeschränkt nur, wenn UKW an Gelände oder fehlenden Relais scheitert; der Umkreis reicht weit über den Kreis hinaus

Übergeordnete Führung

  1. 5 Kreis und Land geeignet Kernanwendung, die Reichweite passt zu Stäben in einigen zehn bis mehreren hundert Kilometern
  2. 6 Land und Bund eingeschränkt am oberen Rand der Reichweite, darüber flache Raumwelle

Die Einstufung berücksichtigt beide Enden der Reichweite: ob die Technik weit genug trägt und ob sie nicht unnötig weit reicht. Sie ist eine Orientierung. Ob eine Strecke trägt, zeigt nur ein Test mit den tatsächlichen Standorten. Alle Techniken im Vergleich

Der Praxisfall

Kreis A und Kreis B liegen 120 km auseinander. Eine VHF-Direktverbindung scheitert an Topografie und fehlender Sichtverbindung, eine gemeinsame Relaisinfrastruktur gibt es nicht. Mit flacher Kurzwellenabstrahlung landet das Signal Hunderte Kilometer entfernt, aber nicht im Nachbarkreis. Genau hier setzt NVIS an.

Wie NVIS funktioniert

NVIS steht für Near Vertical Incidence Skywave, also eine fast senkrecht einfallende Raumwelle. Die Antenne strahlt überwiegend steil nach oben. Liegt die Frequenz unter der kritischen Frequenz der Ionosphäre, wird das Signal zurückgeworfen und fällt kreisförmig um den Sender herunter. So entsteht eine Abdeckung von null bis einige hundert Kilometer ohne tote Zone.

Nicht für kurze Strecken

Die Abdeckung gilt in beide Richtungen: Jede Station im ganzen Umkreis hört mit. NVIS funktioniert zwar auch über wenige Kilometer, belegt dann aber eine Frequenz im Umkreis von Hunderten Kilometern für eine Strecke, die ein UKW-Handfunkgerät oder ein Relais schafft. Die Kurzwellenbänder sind schmal, und im Ereignis brauchen Stäbe in der ganzen Region dieselben Frequenzen. NVIS gehört deshalb auf Strecken ab einigen zehn Kilometern, typischerweise zwischen Kreis, Nachbarkreis und Land, und innerhalb des Kreises nur dort, wo UKW nachweislich nicht funktioniert.

Warum mehr Leistung oft das falsche Problem löst

Kommt keine Verbindung zustande, liegt es meist nicht an zu wenig Leistung, sondern an falscher Frequenz oder falscher Abstrahlung. Liegt die Frequenz über der kritischen Frequenz, geht das Signal durch die Ionosphäre hindurch ins All, egal mit wie viel Leistung. Strahlt die Antenne flach, springt das Signal über die Zielregion hinweg. Die Lösung ist eine andere Frequenz oder eine andere Antenne, nicht ein Verstärker.

Antennen

Niedriger Dipol
Ein Dipol in geringer Höhe über dem Boden, grob ein Zehntel bis ein Viertel der Wellenlänge, strahlt bevorzugt steil nach oben. Für 80 m sind das wenige Meter Höhe. Das ist praktisch, weil keine hohen Masten nötig sind.
Inverted V und Schleifenantennen
portabel gut aufzubauen, ebenfalls mit steiler Abstrahlung.
Fahrzeugantennen
Vertikale Mobilantennen strahlen flach und sind für NVIS schlecht geeignet, außer sie werden umgelegt oder speziell dafür gebaut.

Band und Tageszeit

Die kritische Frequenz schwankt mit Tageszeit, Jahreszeit und Sonnenaktivität. Tagsüber funktioniert häufig 40 m (7 MHz), nachts und in Phasen geringer Sonnenaktivität eher 80 m (3,5 MHz) oder noch tiefer. Das 60-m-Band liegt dazwischen und kann die Lücke schließen. Wer NVIS einplant, braucht mindestens zwei Bänder und Antennen dafür.

Das 60-m-Band ist in Deutschland nur eingeschränkt nutzbar. Seit Dezember 2016 gibt die Bundesnetzagentur laut der deutschsprachigen Wikipedia den Bereich 5351,5–5366,5 kHz frei, aber nur für Funkamateure der höchsten Lizenzklasse (Klasse A) und mit stark begrenzter Sendeleistung (höchstens 15 W EIRP, das entspricht 9,14 W ERP) und schmaler Bandbreite (2,7 kHz). Der Amateurfunk nutzt ihn sekundär und darf den Hauptnutzer nicht stören. Weil die Grenze für die abgestrahlte Leistung gilt, bleibt am Funkgerät je nach Antenne nur eine Leistung im einstelligen Wattbereich. Dafür funktioniert das Band laut derselben Quelle tagsüber wie nachts für NVIS-Verbindungen und ist deshalb für regionalen Notfunk besonders geeignet, auch in hügeligem Gelände.

Abhängigkeiten

AbhängigkeitErforderlich?
Öffentliches Stromnetznein, mit eigener Stromversorgung
Internetnein
Mobilfunknein
Relaisnein
Zentrale Servernein, außer bei Winlink über Gateway
Lizenzierte Funkamateureja

Typische Fehler

  • Nur ein Band vorbereitet, die Verbindung bricht am Abend ab.
  • Vertikalantenne verwendet, die Gegenstelle im Nachbarkreis hört nichts.
  • Nur tagsüber getestet und daraus auf den Nachtbetrieb geschlossen.
  • Bauchgefühl statt dokumentierter Messung.

Testformat für eine NVIS-Strecke

Mehrere feste Gegenstellen in etwa 50, 100, 150 und 250 km Entfernung. Gleiche Nachricht, gleiche Leistung. Dokumentiert werden für jeden Versuch:

  • Uhrzeit und Frequenz
  • Antennentyp und Antennenhöhe
  • Signalbericht in beide Richtungen
  • ob die Nachricht vollständig und fehlerfrei übertragen wurde, bei Datenbetrieb auch die Übertragungszeit

Über mehrere Tage und Tageszeiten wiederholt, ergibt das eine belastbare Aussage, wann welche Strecke funktioniert.

Quellen