Art des Beispiels: umgesetztes Konzept aus einem Kreis, beschrieben aus erster Hand. Relais, Codeplugs und Geräte sind vorhanden und im Alltagsbetrieb. Einen Ernstfall, in dem das System die Führungskommunikation übernehmen musste, gab es bisher nicht.
Die Idee: ein Standort für das ganze Kreisgebiet
An einem hohen Standort, den BOS und Betreiber kritischer Infrastruktur ohnehin gemeinsam nutzen, stehen drei Systeme der Funkamateure nebeneinander:
- ein DMR-Relais für den eigentlichen Einsatzfunk,
- ein analoges 2-m-Relais als Rückfallweg und für organisatorischen Verkehr,
- ein MeshCore-Repeater als zentraler Knoten für Kurznachrichten.
Alle drei decken das gesamte Kreisgebiet ab. Der Standort bringt mit, was ein einzelner Relaisbetreiber selten hat: Im Ernstfall werden die Relais über die Notstromversorgung des Standorts gespeist, die für BOS- und KRITIS-Technik ohnehin vorgehalten wird. Im Alltag gehören die Systeme den Funkamateuren und werden ganz normal genutzt. Genau das hält sie funktionsfähig und bekannt.
DMR-Relais: Alltag und Ernstfall
Im Alltag ist das DMR-Relais Teil des BrandMeister-Netzes. Über ein vernetztes Relais läuft dabei ständig Verkehr aus überregionalen Gesprächsgruppen auf seinen Zeitschlitzen. Für den Einsatz wäre das Belegung, die niemand braucht. Deshalb ist der Wechsel festgelegt:
| Bereich | Alltag | Katastrophenfall |
|---|---|---|
| Netz | BrandMeister, überregional vernetzt | vom BrandMeister-Netz getrennt, rein lokal |
| Gesprächsgruppen | übliche BrandMeister-Gruppen | alle fremden Gruppen abgeworfen, nur die eigenen KatS-Gesprächsgruppen aktiv |
| Kapazität | geteilt mit überregionalem Verkehr | zwei Gesprächsgruppen parallel, ausschließlich für den Einsatz |
| Strom | Netzstrom des Standorts | Notstromeinspeisung des Standorts |
Die Trennung vom Netz ist damit kein Ausfall, sondern ein geplanter Betriebszustand. Sie funktioniert auch dann, wenn das Internet noch läuft, und macht das Relais unabhängig von Servern außerhalb des Kreises.
Vorbereitete Codeplugs
Für Geräte von Hytera und Anytone gibt es vorbereitete Codeplugs. Die meisten Funkamateure im Kreis haben sie ohnehin auf ihren Geräten. Weitere Geräte müssen im Ereignis nur noch mit dem vorbereiteten Codeplug programmiert werden. Enthalten sind:
- Frequenz und Gesprächsgruppen
- das KatS-Relais mit den beiden Einsatz-Gesprächsgruppen, dazu Simplex als Rückfallweg
- Eigene DMR-IDs
- IDs aus einem Bereich abseits der regulären Vergabe. Aus der ID lässt sich der Funkrufname der Stelle ableiten, etwa welche Organisation und welche Einheit gerade spricht. Damit hängt die Kennung an der Funktion, nicht an der Person, die gerade am Gerät sitzt. Das Rufzeichen des Funkamateurs ersetzt sie nicht, es wird weiterhin nach den Regeln der Amateurfunkverordnung genannt.
- Adressbücher
- die Zuordnung von IDs zu Funkrufnamen, damit das Display zeigt, wer ruft
- Ein Schlüssel für Verschlüsselung
- im Alltag nicht aktiv. Zur Einordnung siehe den nächsten Abschnitt.
Verschlüsselung: technisch vorbereitet
Für Funkamateure ist Verschlüsselung grundsätzlich nicht erlaubt, § 16 Abs. 8 AFuV untersagt es, Inhalte zu verschleiern. Technisch sind die Geräte aber dazu in der Lage, und die Schlüssel sind im Codeplug bereits vorbereitet.
Kapazität: etwa 15 Stellen
Zwei Gesprächsgruppen versorgen das ganze Kreisgebiet. Wie viele Stellen daran hängen können, begrenzt am Ende nicht die Technik, sondern das Personal: Funkamateure und ihre Geräte reichen für etwa 15 Einheiten oder Standorte. Typisch sind Führungsstab und Technische Einsatzleitung, Standortwachen der Feuerwehren in den Gemeinden und einzelne Einsatzabschnitte. Eine Feuerwehr hat bereits ein DMR-Amateurfunkgerät fest eingebaut und ein eigenes Rufzeichen erhalten. Senden dürfen darüber weiterhin nur Funkamateure, aber die Station ist aufgebaut, getestet und muss im Ereignis nur noch besetzt werden.
Ein mobiles Relais für den Brennpunkt
Neben dem festen Relais steht ein mobiles DMR-Relais von Hytera bereit. Es kommt dort zum Einsatz, wo zusätzlich Bedarf entsteht, etwa um ein Stadtgebiet mit vielen Einsatzstellen auszuleuchten, während das Kreisrelais die Verbindung zur Führung hält. Weil die Zuteilung für ein unbesetztes Relais an den Standort gebunden ist, gehört die Frage, wo es stehen darf, vor das Ereignis, siehe Relaisfunk.
Warum DMR
- DMR ist unter den Funkamateuren im Kreis weit verbreitet. Geräte sind vorhanden, niemand muss eigens beschafft werden.
- Das Wissen ist da: Codeplugs, Gesprächsgruppen und Relaisbetrieb sind Alltag, nicht Sonderwissen für den Ernstfall.
- Ein Relais ermöglicht zwei Gespräche gleichzeitig, und die Geräte senden nicht in einen belegten Kanal, siehe DMR im Notfunk.
- Die Geräte können verschlüsseln, was im Amateurfunk allerdings nicht genutzt werden darf, siehe oben.
2-m-Relais: Rückfallweg und Organisation
Das analoge 2-m-Relais am selben Standort deckt ebenfalls das ganze Kreisgebiet ab. Fällt DMR aus, übernimmt es den Sprechfunk, mit jedem FM-Gerät und ohne Codeplug. Solange DMR läuft, nimmt es organisatorischen Verkehr auf: Schichtwechsel, Material, Anfahrt, alles, was den Einsatzfunk auf DMR nur belegen würde.
Für den eigentlichen Einsatzfunk ist es bewusst nicht vorgesehen. Analogen FM-Funk kann jeder mit einem einfachen Scanner mithören – ohne Codeplug oder Digitalempfänger. Offen sind im Amateurfunk zwar beide Wege, aber die Hürde zum Mithören ist bei DMR höher, und Einsatzinhalte gehören nicht auf den Kanal, den der ganze Kreis nebenbei verfolgt.
MeshCore: ein zentraler Knoten für den ganzen Kreis
Der MeshCore-Repeater am Standort ist der zentrale Knoten eines Netzes für Kurznachrichten. Er erreicht das gesamte Kreisgebiet und bindet kleinere Repeater in den Orten an. An diesen lokalen Repeatern hängen die Endgeräte, bei MeshCore Companions genannt, die per Smartphone bedient werden.
Damit lässt sich jeder Ort im Kreis mit wenig Aufwand anbinden: Es genügt ein Repeater an einem exponierten Punkt im Ort, der den zentralen Knoten erreicht. Im Ernstfall wird die Weiterleitung für alle Regionen abgeschaltet, die nichts mit dem eigenen Einsatz zu tun haben. Der Kanal ist langsam und die Sendezeit im 868-MHz-Bereich begrenzt, jede fremde Nachricht kostet also Kapazität, die für eigene Meldungen fehlt.
Meshtastic wurde auf Kreisebene dagegen vollständig abgeschafft. In der Nachbarschaft funktioniert es sehr gut, auf dem Weg vom Ort zur Anlaufstelle (z. B. Notfallinfopunkt) meist auch noch. Darüber hinaus war die Zustellung über viele Knoten nicht zuverlässig genug für Führungsverkehr. Den Unterschied der beiden Systeme erklärt MeshCore und Meshtastic.
Wo das Konzept an Grenzen stößt
Wenn alle mitmachen wollen
Betreiber kritischer Infrastruktur und die Notfallinfopunkte im Kreis fanden das Konzept so überzeugend, dass sie sich aufschalten wollten. Das wären auf einen Schlag rund 40 weitere Teilnehmer auf denselben zwei Gesprächsgruppen gewesen. Das funktioniert aus zwei Gründen nicht:
- Berechtigung: Im Amateurfunk dürfen nur Funkamateure senden. Mitarbeitende eines Versorgers oder einer Anlaufstelle ohne Prüfung können das System nicht selbst nutzen.
- Kapazität: Zwei Gesprächsgruppen schaffen zwei Gespräche gleichzeitig. Mit 55 statt 15 Stellen warten Meldungen der Führung hinter Routineverkehr, und die Funkdisziplin bricht zusammen.
Die KRITIS-Betreiber setzen deshalb zunächst auf Angebote wie 450connect, ein Funknetz für Versorger, und auf ihre eigenen Betriebsfunknetze, die etwa Netzbetreiber ohnehin für ihre Leitungsnetze unterhalten. Vor einer Beauftragung eines solchen Angebots lohnt sich eine kritische Prüfung, statt sich auf die Produktpräsentation zu verlassen: Läuft jede Verbindung durch eine zentrale Infrastruktur des Betreibers, auch zwischen zwei Geräten an derselben Basisstation? Gibt es einen Direktmodus oder Inselbetrieb, wenn Kernnetz oder Anbindung der Station ausfallen, wie ihn BOS-Digitalfunk mit dem Fallback-Betrieb kennt? Und ist der Anbieter überhaupt auf Katastrophenschutz ausgelegt, oder liegt sein eigentliches Geschäft anderswo, etwa bei Sensorik für Versorger? Die Antworten können sich mit Produktversionen ändern. Deshalb sollten diese Punkte vor jeder Beauftragung erneut geprüft werden. Wo eine Einrichtung trotzdem mit dem Führungsstab verbunden sein muss, kann eine Amateurfunkstelle dort besetzt werden. Das ist dann eine der etwa 15 Stellen und keine zusätzliche.
Die Ebenen darunter
Für die Nachbarschaft und den Weg der Bürger zur Anlaufstelle gibt es nicht genug Funkamateure, und Bürger dürfen im Amateurfunk ohnehin nicht senden. Hier müssen die Menschen selbst auf PMR446 oder vergleichbaren Jedermannfunk setzen. Angedacht ist, dass jede örtliche Feuerwehr ein gutes PMR446-Handfunkgerät bekommt und damit für die Bürger im Ort erreichbar wird. Was dort ankommt, geht über die Standortwache und das DMR-Relais weiter an die Technische Einsatzleitung oder den Führungsstab.
Welche Abhängigkeiten bleiben
- Ein gemeinsamer Standort ist ein gemeinsamer Ausfallpunkt. Fallen Mast, Notstrom oder Zugang aus, sind DMR, 2 m und der zentrale MeshCore-Knoten gleichzeitig betroffen. Rückfallwege mit anderer Abhängigkeit sind das mobile Relais, Simplex zwischen hoch gelegenen Stationen und Melder, siehe Rückfallebenen planen.
- Die Trennung vom BrandMeister-Netz muss jemand auslösen, der Zugriff auf das Relais hat, und sie muss geübt sein. Wer entscheidet und wer umschaltet, steht im Plan.
- Codeplugs veralten. Neue Geräte, zusätzliche Stellen und Firmware-Updates erfordern laufende Pflege für zwei Herstellerfamilien.
- Personal: Die etwa 15 Stellen gibt es nur, wenn die Funkamateure im Ereignis verfügbar sind und nicht selbst betroffen.
Was auf andere Kreise übertragbar ist
- einen Standort nutzen, der ohnehin Notstrom für BOS und KRITIS hat, statt ein Relais mit eigenem Akku zu härten
- die Systeme im Alltag den Funkamateuren überlassen und den Wechsel in den Einsatzbetrieb als festen Schaltzustand planen
- Codeplugs mit Funkrufnamen und Adressbuch vorher verteilen, sodass im Ereignis niemand programmieren muss
- die Zahl der Stellen an Personal und Kanälen ausrichten, nicht an den Wünschen aller Beteiligten
- für jede Ebene das passende System wählen: Jedermannfunk bei den Bürgern, Mesh im Ort, DMR und 2 m zwischen Gemeinden und Kreis
Was regelmäßig geprüft werden sollte
- Umschalten in den Einsatzbetrieb: Relais vom BrandMeister-Netz trennen und prüfen, dass nur noch die KatS-Gesprächsgruppen ankommen.
- Von allen vorgesehenen Stellen aus beide Gesprächsgruppen und das 2-m-Relais testen.
- Relaisbetrieb über die Notstromeinspeisung des Standorts nachweisen, nicht nur annehmen.
- Codeplug-Stand aller Geräte abgleichen, auch der Geräte von Hytera und Anytone untereinander.
- MeshCore: Erreichbarkeit jedes lokalen Repeaters vom zentralen Knoten aus und das Abschalten fremder Regionen.
- Mobiles Relais an einem vorgesehenen Standort aufbauen und die Zeit bis zur Betriebsbereitschaft messen.
Quellen
- Angaben des Autors zum Konzept in seinem Kreis, Stand September 2026
- § 16 AFuV: Betriebsbedingungen und Verschlüsselung
- BrandMeister: DMR-Netz (englisch)
- 450connect