Erdbeben in der Türkei 2023: gemeinsame Kanäle für fremde Kräfte

Nach den Erdbeben vom 6. Februar 2023 waren in elf Provinzen Mobilfunk und Internet zusammengebrochen. Das drängendste Funkproblem war aber ein anderes: Die Einsatzkräfte kamen aus vielen Provinzen und hatten keine gemeinsamen Kanäle. Funkamateure brachten Relais und Handfunkgeräte mit und schufen genau diese gemeinsame Ebene.

Art des Beispiels: dokumentierter Einsatz, berichtet von der IARU Region 1, dem europäischen Dachverband der Amateurfunkverbände, von der ARRL und von türkischen Medien. Die Angaben zur Zahl der Funkamateure stammen aus Presseberichten und sind nicht amtlich bestätigt.

Die Lage

Am 6. Februar 2023 um 01:17 Uhr UTC erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,8 den Südosten der Türkei und den Norden Syriens, gut neun Stunden später folgte ein zweites Beben der Stärke 7,5. Elf türkische Provinzen waren betroffen, Zehntausende Menschen starben. Mobilfunkstationen standen oft auf Gebäuden und stürzten mit ihnen ein. Mobilfunk und Internet waren im Kerngebiet in den ersten Tagen weitgehend weg.

Das eigentliche Funkproblem

Das naheliegende Problem war der Ausfall der öffentlichen Netze. Das drängendere Problem beschreibt Gökçe Doğan, Leitung der Zweigstelle Izmir des türkischen Amateurfunkverbands TRAC: Die Einsatzkräfte kamen aus vielen verschiedenen Provinzen und hatten keine gemeinsamen Funkfrequenzen und Kanäle.

Das vierköpfige Team aus Izmir brachte deshalb Relais, Handfunkgeräte und Stromerzeuger in die Provinz Kahramanmaraş und stellte damit eine gemeinsame Funkebene für das Personal vor Ort her, nach Doğans Worten bis hin zum Gouverneur der Provinz. Türkische Medien berichten von mehr als 500 Funkamateuren, die im Katastrophengebiet im Einsatz waren und Verbindungen zwischen der Katastrophenschutzbehörde AFAD und den Such- und Rettungsteams herstellten.

Frequenzen und Betrieb

  • Der Großteil des Notfunkverkehrs lief nach Angaben der IARU auf UKW, also über Relais und direkt zwischen Handfunkgeräten im Katastrophengebiet.
  • Für weitere Strecken nannte TRAC Kurzwellenfrequenzen: 28,540 MHz als Hauptfrequenz, dazu 3,777 und 7,092 MHz.
  • Funkamateure in anderen Ländern wurden gebeten, diese Frequenzen freizuhalten.

Regeln für Helfer aus dem Ausland

Viele Funkamateure im Ausland wollten helfen. Die Antwort aus der Türkei war klar: Einzelne Funkamateure konnten nur mitarbeiten, wenn sie in ein Such- und Rettungsteam eingebunden waren, das nach den Standards der UN-Arbeitsgruppe INSARAG zertifiziert und von der türkischen Regierung akkreditiert war. TRAC empfahl solchen Teams, mindestens einen Funkamateur mitzunehmen oder Funkgeräte vor Ort programmieren zu können. Teams aus Georgien sowie Bosnien und Herzegowina hatten Funkamateure dabei.

Die IARU warnte außerdem davor, unaufgefordert Material zu schicken: Hilfsgüter sollten nur auf Anforderung einer Hilfsorganisation an einen benannten Empfänger gehen, sonst drohten sie am Zoll hängen zu bleiben.

Die eigentliche Lehre

Bei einer Großschadenslage mit Kräften aus vielen Regionen fehlt oft nicht die Technik, sondern die gemeinsame Ebene. Funkamateure können diese Lücke schnell schließen, wenn sie Relais und programmierte Handfunkgeräte mitbringen. Für den Führungsstab ist das eine Unterstützung auf der Ebene der örtlichen Führung, nicht ein Ersatz für den eigenen Funk.

Die zweite Lehre gilt für die Funkamateure selbst: Wer helfen will, hilft über eine Organisation, nicht auf eigene Faust.

Was auf Deutschland übertragbar ist, und was nicht

ÜbertragbarNicht ohne Weiteres übertragbar
vorbereitete Funkkoffer mit Relais, Handfunkgeräten und Stromerzeuger, siehe Notfunk-KofferHandfunkgeräte an Einsatzkräfte ohne Amateurfunkzulassung ausgeben; in Deutschland dürfen nur Funkamateure auf Amateurfunkfrequenzen senden
Einsatz im Ausland nur eingebunden in eine anerkannte Organisationdie Interoperabilitätslücke: Der BOS-Digitalfunk in Deutschland ist bundesweit einheitlich, anrückende Kräfte können also grundsätzlich gemeinsame Gesprächsgruppen nutzen
Relaisstandorte für ein Einsatzrelais vorab klären, siehe Rechtslagedie Größenordnung eines Bebens mit zerstörter Infrastruktur in elf Provinzen

Fragen für die eigene Planung

  • Was passiert bei uns, wenn Kräfte aus anderen Kreisen oder Ländern anrücken und ihre Geräte nicht auf unsere Gesprächsgruppen programmiert sind?
  • Gibt es ein transportables Relais mit vorab geklärten Standorten?
  • Über welche Organisation können sich Funkamateure aus unserer Region an Auslandseinsätzen beteiligen?

Quellen