Art des Beispiels: dokumentierter Einsatz, berichtet vor allem von der ARRL, dem nationalen Amateurfunkverband der USA, und von US-Medien.
Die Lage
Hurrikan Helene erreichte in der Nacht zum 27. September 2024 als Hurrikan der Kategorie 4 bei Perry in Florida das Festland. Die größten Schäden entstanden danach weit im Landesinneren: In den Appalachen im Westen North Carolinas fiel extremer Regen, Flüsse traten über die Ufer, Straßen und Brücken wurden weggerissen. Im Großraum Asheville mit mehr als 400.000 Einwohnern fielen Strom, Mobilfunk und Internet für die meisten Menschen aus. Nach Darstellung der ARRL war Funk dort über mehrere Tage das einzige Mittel, Informationen weiterzugeben.
Zwei Welten gleichzeitig
Das Besondere an diesem Einsatz ist, dass Funkamateure in zwei getrennten Strukturen arbeiteten:
- Eingebunden: In North Carolina läuft der offizielle Notfunk über NC AUXCOMM, eine Struktur der staatlichen Katastrophenschutzbehörde. Die ARRL berichtet, dass Funkamateure dort Seite an Seite mit dem Funkpersonal der Einsatzkräfte arbeiteten, in Einsatzzentralen im ganzen Westen des Bundesstaats. Wie diese Einbindung aufgebaut ist, beschreibt der Beitrag USA: vier Stufen der Einbindung.
- Spontan: Parallel dazu entstanden sogenannte Health-and-Welfare-Runden über Relais auf Berggipfeln. Dort wurden Nachrichten über das Wohlergehen von Menschen an Angehörige weitergegeben, Bedarf an Medikamenten wie Insulin gemeldet, wiedereröffnete Geschäfte und gesperrte Straßen durchgesagt. Funkamateure verteilten Handfunkgeräte an Nachbarn in abgeschnittenen Tälern.
Beides war nützlich. Aber nur die erste Struktur war mit den Einsatzkräften abgestimmt. Die zweite füllte eine Lücke, die niemand geplant hatte: die Verbindung zwischen abgeschnittener Bevölkerung und Hilfe.
Welche Technik trug
- Relais auf Berggipfeln mit Notstrom: Drei Relais trugen nach Medienberichten den Großteil des Verkehrs im Katastrophengebiet, darunter das Relais auf dem Mount Mitchell, dem mit rund 2.000 Metern höchsten Punkt North Carolinas. Ein Relais im benachbarten Tennessee ging erst wieder in Betrieb, nachdem Akkus gespendet worden waren.
- Kurzwelle: Für Verbindungen aus dem Gebiet heraus nutzten Funkamateure unter anderem 7232 und 3923 kHz.
- Winlink: E-Mail über Funk wurde nach Angaben der ARRL in großem Umfang genutzt. Eine Ausnahmegenehmigung der Aufsichtsbehörde FCC war dafür nicht mehr nötig, weil die entsprechenden Regeln zuvor gelockert worden waren. Das Verfahren erklärt der Beitrag Winlink.
- Logistik: Funkamateure stimmten sich mit Hilfsorganisationen ab, die mit gespendeten Kleinflugzeugen Versorgungsgüter einflogen. Die ARRL nennt die „letzte Meile“ als größtes Problem: Die Güter kamen an, aber die Straßen zu den Menschen waren zerstört.
Was nicht gut lief
Der Nachbericht des besonders betroffenen Buncombe County nennt wiederkehrende Probleme: systemische Ausfälle der Kommunikation, Lücken bei Ausbildung und Dienstplanung und schwierige Abstimmung zwischen Zuständigkeitsbereichen. Amateurfunk hat diese Probleme nicht verursacht und nicht gelöst. Er hat einzelne Verbindungen gehalten, während die Gesamtorganisation unter Druck stand.
Auch technisch zeigt Helene eine Schwäche, die in Deutschland genauso besteht: Ein Relais ist nur so gut wie sein Notstrom. Wo Akkus fehlten, fiel auch der Amateurfunk aus. Mehr dazu im Beitrag Notstrom für die Funkstelle.
Die eigentliche Lehre
Im Ereignis entsteht die spontane Hilfe von allein. Die eingebundene Hilfe dagegen entsteht nur, wenn sie vorher aufgebaut wurde. North Carolina hatte mit NC AUXCOMM eine Struktur, in die Funkamateure einrücken konnten. Die spontanen Runden über Bergrelais waren wertvoll, aber niemand hatte festgelegt, wie ihre Informationen die Einsatzleitung erreichen.
Was auf Deutschland übertragbar ist, und was nicht
| Übertragbar | Nicht ohne Weiteres übertragbar |
|---|---|
| Relais an hohen Standorten mit ausreichend Notstrom als Rückgrat für einen ganzen Kreis | die staatliche Struktur NC AUXCOMM, für die es in Deutschland kein Gegenstück gibt |
| vorher festlegen, wie Meldungen aus Nachbarschaftsrunden die Einsatzleitung erreichen | Nachrichten für Dritte in dem Umfang, wie sie dort üblich waren; in Deutschland gilt die Ausnahme nur im tatsächlichen Not- oder Katastrophenfall, siehe Rechtslage |
| Winlink als Weg für schriftliche Meldungen aus einem abgeschnittenen Gebiet | die Größenordnung: tagelanger Ausfall in einer ganzen Bergregion |
Fragen für die eigene Planung
- Welche Relais in unserem Kreis haben Notstrom, und für wie viele Stunden?
- Wer hört eine spontane Nachbarschaftsrunde ab und gibt Lagemeldungen an den Stab weiter?
- Wie kommen schriftliche Meldungen aus einer abgeschnittenen Gemeinde heraus, wenn auch die Relais ausfallen?