Die Praxisfrage
Können zwei Führungsstandorte unabhängig vom öffentlichen Internet IP-Dienste austauschen?
Mit HAMNET ja. HAMNET ist ein eigenständiges IP-Netz der Funkamateure auf Amateurfunkfrequenzen, gebaut aus Richtfunkstrecken zwischen erhöhten Standorten, und arbeitet vollständig ohne Internet. Voraussetzung ist, dass beide Standorte eine Funkverbindung zu einem HAMNET-Knoten haben und die Knoten dazwischen Notstrom. Über HAMNET laufen dieselben Dienste wie in einem Büronetz: E-Mail, Telefon, Chat, Webseiten und Dateien.
Was HAMNET ist
HAMNET steht für Highspeed Amateur Radio Multimedia Network. Es entstand in Österreich, wo ab 2005 erste Versuche liefen und das Netz 2008 in Wien als HAMNET vorgestellt wurde. In Deutschland fiel der Startschuss am 31. Oktober 2009 auf der Messe INTERRADIO in Hannover. Das Netz sollte das Packet-Radio-Netz aus den 1980er-Jahren schrittweise ersetzen und hat diese Rolle in weiten Teilen übernommen.
Heute verbindet HAMNET Standorte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Slowenien und weiteren Ländern. Die Knoten stehen meist dort, wo auch Relais und Digipeater stehen: auf Türmen, Bergen und hohen Gebäuden. Aufgebaut und betrieben werden sie ehrenamtlich von Funkamateuren und Ortsverbänden, den sogenannten Sysops.
Koordiniert wird das deutsche HAMNET von der DL-IP-Koordination, einer verbandsübergreifenden Arbeitsgruppe, die seit 2003 besteht. Sie vergibt die IP-Adressen, betreut zusammen mit regionalen Verwaltern die Teilnetze und veröffentlicht Neuigkeiten auf de.hamnet.network. Alle Knoten, Strecken und Adressen stehen in der öffentlichen HAMNET-Datenbank, samt Karte.
Wie das Netz aufgebaut ist
HAMNET ist ein geplantes Netz, ähnlich dem Backbone eines Internetanbieters. Es besteht aus zwei Teilen:
- Linkstrecken
- Richtfunkstrecken zwischen zwei Knoten, meist im 6-cm-Band. Jede Strecke ist einzeln geplant, mit eigener Frequenz und Richtantennen an beiden Enden. Sie bilden das Rückgrat, über das die Regionen verbunden sind.
- Benutzerzugänge
- Zugangspunkte an den Knoten, über die sich Funkamateure mit einer eigenen Station verbinden, ähnlich wie mit einem WLAN-Hotspot. Ihre SSID ist „HAMNET“, das Rufzeichen des Knotens steht in den Zusatzinformationen.
Zwischen den Knoten werden die Wege per Routing wie im Internet ausgetauscht: Jede Region bildet ein eigenes Teilnetz, ein sogenanntes autonomes System, und gibt bekannt, welche Adressen sie erreicht. Die Adressen stammen aus dem 44er-Netz (AMPRNet), einem Adressblock, der seit den 1980er-Jahren dem Amateurfunk vorbehalten ist. Seit 2019 ein Teil davon verkauft wurde, nutzen Netze außerhalb der USA den Bereich 44.128.0.0/10.
Wo zwischen zwei Regionen noch keine Funkstrecke besteht, werden sie im Alltag teils per Tunnel verbunden. Das betrifft nur diese eine Verbindung. Innerhalb einer Region ist HAMNET ein reines Funknetz.
Frequenzen und Regeln
HAMNET nutzt die Amateurfunkbänder im Gigahertzbereich, in denen der Amateurfunk sekundärer Funkdienst ist. Die Amateurfunkverordnung (AFuV) begrenzt die Bandbreite dort auf 10 MHz, WLAN-übliche 20-MHz-Kanäle sind damit ausgeschlossen. Senden dürfen Funkamateure der Klassen A und E, nicht aber der Einsteigerklasse N.
| Band | Frequenzbereich nach AFuV | Typische HAMNET-Frequenzen | Bandbreite | Verwendung |
|---|---|---|---|---|
| 13 cm | 2320–2450 MHz | 2362, 2392, 2397 MHz | 5 MHz | Benutzerzugänge |
| 6 cm | 5650–5850 MHz | 5675 bis 5825 MHz im 10-MHz-Raster | 10 MHz | Linkstrecken, auch Benutzerzugänge |
- Knoten sind automatische Stationen
- Ein HAMNET-Knoten läuft dauerhaft und unbeaufsichtigt. Er ist damit eine automatisch arbeitende Amateurfunkstelle und braucht nach § 13 AFuV eine eigene Rufzeichenzuteilung der Bundesnetzagentur. Ihr geht eine Verträglichkeitsprüfung für den Standort voraus, die Zuteilung legt auch die zulässige Strahlungsleistung fest. Holger Riethmüller (DL8SCU) nannte 2015 eine Bearbeitungszeit von drei bis vier Monaten und 15 W ERP als üblichen Wert.
- Benutzer senden mit eigener Zulassung
- Wer sich mit einer eigenen Station einwählt, sendet unter seinem persönlichen Rufzeichen und darf diese Station nicht unbeaufsichtigt betreiben.
- Keine Verschlüsselung
- Inhalte dürfen nicht zur Verschleierung verschlüsselt werden, und das Netz steht nur für Amateurfunkzwecke offen. Einen Internetzugang für Dritte darf HAMNET nicht bereitstellen.
Als Funkamateur ins HAMNET
Der Einstieg ist einfacher, als der Begriff Richtfunk vermuten lässt:
- In der HAMNET-Datenbank den nächsten Knoten mit Benutzerzugang suchen und prüfen, ob vom eigenen Standort Sichtverbindung besteht.
- Ein passendes Gerät beschaffen, typischerweise eine Ubiquiti NanoStation M5 oder ein vergleichbares Gerät von MikroTik für unter 100 Euro, dazu eine Stromversorgung über das Netzwerkkabel (PoE).
- Das Gerät auf die Frequenz des Knotens einstellen, mit der SSID „HAMNET“ verbinden und grob ausrichten. Die Herstellerfirmware hat dafür meist eine Ausrichthilfe.
- Der Knoten vergibt per DHCP eine Adresse aus dem 44er-Netz. Damit der eigene Rechner HAMNET-Adressen über das Funkgerät erreicht, braucht er eine Route für das 44er-Netz.
Je nach Signal sind einige Mbit/s bis einige zehn Mbit/s erreichbar, auf guten Linkstrecken mehr. Wer keine Sicht zu einem Knoten hat, kann sich mit anderen Funkamateuren am Ort zusammentun und ein Ortsnetz mit einem eigenen, gut gelegenen Zugangspunkt aufbauen.
Möglichkeiten in der Lage
Ein Stab, eine Leitstelle oder ein Krankenhaus ohne eigenen HAMNET-Zugang ließe sich unter Umständen auch erst im Ereignis anbinden, sofern ein Knoten mit Benutzerzugang in Reichweite läuft. Am Standort fehlt dafür oft Höhe für die Sichtverbindung. Denkbare Ansätze:
- Höhe
- Infrage kommen etwa das Dach eines Hochhauses, ein Turm, eine Drehleiter oder der Lichtmast eines Fahrzeugs. Ein Gerät wie die NanoStation wiegt einige hundert Gramm.
- Kabel
- Ein Netzwerkkabel überträgt Daten und Strom (PoE) nach Ethernet-Standard bis etwa 100 m. Für längere Wege wäre eine zweite Funkstrecke denkbar, etwa per WLAN-Richtfunk.
- Strom
- Das Gerät braucht nur wenige Watt. Als Quelle kämen etwa Akku, USV oder ein vorhandenes Aggregat infrage.
- Ausrichten
- Richtung und Frequenz der Knoten stehen in der HAMNET-Datenbank, die Firmware der Geräte hat meist eine Ausrichthilfe.
Wer diese Möglichkeit in Betracht zieht, kann einiges vorbereiten, etwa ein auf die umliegenden Knoten eingestelltes Gerät mit Halterung, Kabel, PoE-Einspeisung und einer Liste der Knoten mit Richtung und Frequenz. Rechtlich ist unter anderem zu klären, unter welcher Zulassung eine solche Station läuft. Ein Knoten, der unbeaufsichtigt Verkehr für andere weiterleitet, kann als automatisch arbeitende Station gelten, die eine eigene Zuteilung braucht, siehe Rechtslage. Ob ein solcher Aufbau im Einzelfall infrage kommt, technisch, organisatorisch und rechtlich, etwa bei Arbeitssicherheit, Einsatz von Fahrzeugen und Zulassung der Funkstelle, entscheiden die Verantwortlichen vor Ort.
Dienste im HAMNET
- vernetzte Sprechfunkrelais, etwa mit SvxLink, siehe Relaisfunk
- Verbindungen zwischen Digipeatern und Mailboxen für Packet Radio
- APRS-Server
- E-Mail, Chat und Telefonie über IP
- Webcams, Wetterstationen und Zugänge zu ATV-Relais
- Sprachkonferenzen, etwa mit Mumble, und WebSDR-Empfänger
- Zeitserver und Namensauflösung für das Netz
HAMNET und AREDN
Neben HAMNET gibt es mit AREDN ein zweites IP-Netz der Funkamateure, das oft auf derselben Hardware läuft. Die Ansätze unterscheiden sich grundlegend:
| Merkmal | HAMNET | AREDN |
|---|---|---|
| Netzaufbau | geplante Strecken, jede mit eigener Frequenz | selbstorganisierendes Mesh, alle Knoten eines Gebiets auf einem Kanal |
| Adressen | zentral koordiniert, 44er-Netz | automatisch aus der Hardwareadresse |
| Firmware | meist Herstellerfirmware | eigene AREDN-Firmware |
| Stärke | stabile Weitverbindungen zwischen festen Standorten, überregional | schneller Aufbau vor Ort, umgeht ausgefallene Knoten selbst |
| Verbreitung in Deutschland | flächig, aber mit Lücken | einzelne regionale Netze |
Beide ergänzen sich: HAMNET verbindet die Regionen, AREDN-Netze vor Ort lassen sich über HAMNET koppeln.
Entwicklungen 2026
Die DL-IP-Koordination berichtete im Januar 2026 von Fortschritten und Sorgen:
- HAMNET hat neue Domains bekommen, hamnet.radio und hamnet.cloud. Die alten ampr.org-Namen gelten weiter, lassen sich aber nicht mehr ändern.
- In Sachsen läuft die erste Linkstrecke. Das Berliner Netz ist intern gewachsen, hat aber noch keine Funkverbindung zum übrigen Netz.
- Geeignete Hardware ist schlechter verfügbar geworden, weil bewährte Geräte nicht mehr hergestellt werden.
- Geprüft werden neue Wege: Transverter für das 3-cm-Band (10 GHz) mit viel Bandbreite für Linkstrecken, ein Zugang auf Basis von LTE-Technik und neue Hardware für New Packet Radio auf 23 cm.
Entwarnung gab es bei der europäischen Funkanlagenrichtlinie: Die EU-Kommission hat im Januar 2026 Pläne verworfen, nach denen Hersteller das Aufspielen fremder Firmware hätten unterbinden müssen. Für Netze aus umgerüsteter WLAN-Hardware wäre das ein ernstes Problem gewesen.
Die Kette der Abhängigkeiten
Ein IP-Netz ist nur so resilient wie das schwächste Glied:
- Standorte
- Richtfunk braucht Sichtverbindung zwischen erhöhten Punkten. Fehlende Höhe am eigenen Standort lässt sich unter Umständen auch in der Lage schaffen.
- Stromversorgung
- jeder Knoten, jeder Zwischenstandort. Ein Weg durch das HAMNET ist nur so lange nutzbar wie der Knoten mit der kürzesten Akkulaufzeit.
- Richtfunkstrecken
- Ausrichtung, Wetter, Wartung
- Switches und Router
- auch sie brauchen Strom und Konfiguration
Grenzen
- Neue feste Knoten brauchen Vorlauf: Die Rufzeichenzuteilung dauert Monate. Ein Zugang zu einem bestehenden Knoten ist dagegen unter Umständen auch in der Lage möglich.
- Nur so weit wie die Funkstrecken: Wo kein Knoten in Sicht ist, gibt es kein HAMNET.
- Inhalte dürfen nicht verschlüsselt werden, siehe Rechtslage.
- Das Netz lebt vom Ehrenamt: Ein Knoten, dessen Betreuer aufhört, verfällt.
Praxisbezug
In Wolfsburg wurde ein Konzept dokumentiert, das KatS-Zentrale, Leitstelle und Klinikum über HAMNET verbinden sollte. Analyse unter Wolfsburg: HAMNET als Rückfallebene. In Österreich sieht der Notfunk HAMNET für unabhängige Verbindungen zwischen öffentlichen Einrichtungen vor, siehe Österreich: Notfunk mit Gesetz und Landeswarnzentrale.
Vorbereiten, was sich vorbereiten lässt
- Welche HAMNET-Knoten mit Benutzerzugang liegen in Reichweite, mit Richtung und Frequenz?
- Wo ließe sich an den eigenen Standorten Höhe gewinnen, und was wäre dafür zu klären?
- Liegt ein eingestelltes Gerät mit Halterung, Kabel und Stromversorgung bereit?
- Ist der Weg zwischen den Standorten durchgehend per Funk verbunden?
- Welche Dienste werden gebraucht, und wer stellt sie bereit?
- Wie lange halten die Knoten auf dem Weg ohne Netzstrom, und wer betreut sie?
Quellen
- DL-IP-Koordination: HAMNET in Deutschland
- HAMNET-Datenbank: Knoten, Strecken und Karte
- Wikipedia: HAMNET
- Holger Riethmüller (DL8SCU): Einführung in HAMNET, mit Frequenzen, Datenraten und Zuteilung (PDF)
- DARC: Neues aus dem Hamnet, Januar 2026
- Amateurfunkverordnung, Anlage 1: Frequenzbereiche, Leistung und Bandbreite
- Amateurfunkverordnung, § 13: Fernbediente oder automatisch arbeitende Amateurfunkstellen
- DO4BZ: HAMNET für Benutzer, Zugang und Dienste
- DF9OM: Zugang zum HAMNET, Einrichtung einer Benutzerstation
- Bremer Rundspruch: Entschärfung der europäischen Funkrichtlinie, 2026 (PDF)